Wer die Geschichte des Hauses kennt, sieht beim Rundgang ein anderes Gebäude: Die Prunkstiege wird zur Bühne, der Marmorsaal zum Verhandlungsort der Weltpolitik, der Garten zur barocken Machtdemonstration.
Prinz Eugen: der Bauherr
Eugen von Savoyen (1663–1736) war die unwahrscheinlichste Erfolgsgeschichte des Habsburgerreichs: in Paris geboren, vom französischen Hof abgelehnt, wechselte er 1683 in österreichische Dienste – rechtzeitig zur Zweiten Türkenbelagerung Wiens. In den folgenden Jahrzehnten wurde er zum erfolgreichsten Feldherrn Europas und zu einem der reichsten Männer des Kontinents.
Sein Vermögen investierte er in Bücher, Kunst und Architektur. Das Belvedere ließ er sich als Sommerresidenz vor den Toren der Stadt errichten – nicht zum Regieren, sondern zum Repräsentieren und Sammeln. Er hielt hier Menagerien mit exotischen Tieren, ließ seltene Pflanzen kultivieren und empfing die Gesandten Europas.
Der Name – italienisch für „schöne Aussicht“ – wurde erst nach Eugens Tod gebräuchlich. Der Blick vom Oberen Belvedere über den Garten auf Wien war schon im 18. Jahrhundert berühmt und ist es bis heute: Canaletto malte von hier seine berühmte Wien-Vedute.
Hildebrandts Doppelschloss
Johann Lucas von Hildebrandt, neben Fischer von Erlach der wichtigste Barockarchitekt Österreichs, plante keine einzelne Residenz, sondern eine Anlage aus zwei Schlössern und einem verbindenden Garten in Hanglage.
- 1712–1716: Unteres Belvedere – das Wohnschloss am Rennweg, mit Eugens tatsächlichen Wohnräumen, dem Marmorsaal für Empfänge und dem Goldkabinett.
- 1717–1723: Oberes Belvedere – der reine Repräsentationsbau auf der Hangkuppe, gebaut für Feste. Fast niemand hat hier je gewohnt.
- Der Garten – vom Franzosen Dominique Girard gestaltet, mit Kaskaden, Sphingen und einer Sichtachse, die beide Schlösser mit der Stadtsilhouette verklammert.
Die Rollenteilung erklärt, was Besucher heute sehen: Unten sind die Räume intimer und wohnlicher, oben zielt alles auf Wirkung – bis zur Sala Terrena, deren Gewölbe von vier steinernen Atlanten getragen wird.
Vom Feldherrensitz zur kaiserlichen Galerie
Eugen starb 1736 ohne Testament und ohne direkte Erben. Seine Nichte verkaufte die Anlage samt Inventar; 1752 erwarb Kaiserin Maria Theresia das Ensemble für das Haus Habsburg.
Die folgenreichste Entscheidung fiel unter ihrem Sohn Joseph II.: 1781 wurde die kaiserliche Gemäldegalerie aus der Stallburg ins Obere Belvedere verlegt und für das Publikum geöffnet – das Belvedere wurde damit zu einem der ersten öffentlichen Museen der Welt, Jahre vor dem Louvre. Der Gedanke, dass eine fürstliche Sammlung allen gehört, wurde hier früh Realität.
Franz Ferdinand und das Attentat von Sarajevo
Ab 1899 residierte Erzherzog Franz Ferdinand, der Thronfolger, im Oberen Belvedere. Das Schloss wurde zum politischen Zentrum seiner „Werkstatt“ – eines Schattenkabinetts, das auf den Machtwechsel wartete. Von hier brach er im Juni 1914 zur Truppeninspektion nach Bosnien auf; die Schüsse von Sarajevo auf ihn und seine Frau Sophie lösten den Ersten Weltkrieg aus.
Mit dem Ende der Monarchie 1918 fiel das Belvedere an die junge Republik – und wurde endgültig Museum.
1955: „Österreich ist frei!“

Der berühmteste Balkonsatz der Republik
Am 15. Mai 1955 unterzeichneten die Außenminister der vier Besatzungsmächte und Österreichs im Marmorsaal den Österreichischen Staatsvertrag. Er beendete zehn Jahre Besatzung und stellte die volle Souveränität wieder her.
Außenminister Leopold Figl prägte den Satz „Österreich ist frei!“ – gesprochen im Saal, in die Erinnerung der Nation aber eingegangen als Balkonszene, als der Vertrag der jubelnden Menge im Garten gezeigt wurde. Der Marmorsaal ist heute Teil des normalen Museumsrundgangs.
Vom Kaiserhaus zum Klimt-Museum
Die heutige Institution entstand 1903 als „Moderne Galerie“ im Unteren Belvedere – gegründet auf Betreiben der Secession um Gustav Klimt, mit dem Auftrag, österreichische Kunst im internationalen Vergleich zu zeigen. Schon 1908 kaufte das Haus „Der Kuss“ direkt aus der Kunstschau.
- 1903 – Gründung als Moderne Galerie; erste Ankäufe von van Gogh und Segantini.
- 1918–1938 – Ausbau zur Österreichischen Galerie über alle Epochen.
- 1938–1945 – NS-Zeit: Enteignungen und „Arisierungen“ prägen die Sammlung; die Restitution beschäftigt das Haus bis heute – prominentester Fall war die 2006 restituierte „Goldene Adele“.
- Nach 1945 – Wiederaufbau der kriegsbeschädigten Schlösser; 1953 Wiedereröffnung.
- 2018 – Eröffnung von Belvedere 21 als Standort für Gegenwartskunst im ehemaligen Weltausstellungspavillon Karl Schwanzers.
Institutionsgeschichte laut belvedere.at.
Zeittafel
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1663 | Eugen von Savoyen wird in Paris geboren |
| 1683 | Eugen tritt in österreichische Dienste; Entsatz von Wien |
| 1712–1716 | Bau des Unteren Belvedere (Hildebrandt) |
| 1717–1723 | Bau des Oberen Belvedere |
| 1736 | Tod Eugens; Verkauf durch die Erbin |
| 1752 | Maria Theresia erwirbt die Anlage |
| 1781 | Öffnung der kaiserlichen Galerie für das Publikum |
| 1899–1914 | Franz Ferdinand residiert im Oberen Belvedere |
| 1903 | Gründung der Modernen Galerie |
| 1908 | Ankauf von Klimts „Der Kuss“ |
| 1955 | Unterzeichnung des Staatsvertrags im Marmorsaal |
| 2018 | Eröffnung Belvedere 21 |
Geschichte vor Ort erleben
Die Geschichte ist im Rundgang präsent, wenn man weiß, wo man hinschaut:
- Marmorsaal (1. OG) – Staatsvertrag; das Deckenfresko feiert Eugens Ruhm.
- Sala Terrena (EG) – die Atlanten wurden nach einem Gewölbeschaden 1732 eingezogen; Barock trifft Statik.
- Prunkstiege – Reliefs mit Szenen aus Eugens Feldzügen.
- Gartenachse – von der oberen Terrasse wird Hildebrandts Inszenierung sichtbar: Stadt, Garten und Schlösser in einer Linie.
- Schlosskapelle – vom ersten Stock einsehbar, mit Altarbild von Francesco Solimena.
Wie die Räume heute aussehen und was davon im Ticket enthalten ist: Innenräume des Belvedere. Den architektonischen Rundgang finden Sie unter Oberes Belvedere.
Häufige Fragen
Wer hat das Schloss Belvedere gebaut?
Bauherr war Prinz Eugen von Savoyen, Feldherr in habsburgischen Diensten. Architekt war Johann Lucas von Hildebrandt. Das Untere Belvedere entstand 1712–1716, das Obere Belvedere 1717–1723.
Hat jemals ein Kaiser im Belvedere gewohnt?
Das Belvedere war nie Kaiserresidenz. Nach dem Kauf durch Maria Theresia 1752 diente es vor allem als Galerie. Thronfolger Franz Ferdinand residierte ab 1899 im Oberen Belvedere – als prominentester Bewohner nach Prinz Eugen.
Was ist der Österreichische Staatsvertrag und warum wurde er im Belvedere unterzeichnet?
Der Staatsvertrag von 1955 beendete die Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg und stellte Österreichs Souveränität wieder her. Unterzeichnet wurde er am 15. Mai 1955 im Marmorsaal des Oberen Belvedere – der repräsentativste Saal der Republik.
Seit wann ist das Belvedere ein Museum?
Seit 1781, als Joseph II. die kaiserliche Gemäldegalerie im Oberen Belvedere für das Publikum öffnete. Damit gehört das Belvedere zu den ältesten öffentlichen Museen der Welt.
Woher kommt der Name „Belvedere“?
Aus dem Italienischen: „schöne Aussicht“. Gemeint ist der Blick vom Oberen Belvedere über den Garten auf die Wiener Innenstadt, der schon im 18. Jahrhundert berühmt war.
Was hat Franz Ferdinand mit dem Belvedere zu tun?
Der Thronfolger residierte ab 1899 im Oberen Belvedere und machte es zu seinem politischen Zentrum. Von hier reiste er 1914 nach Sarajevo, wo das Attentat auf ihn den Ersten Weltkrieg auslöste.
