Die Österreichische Galerie Belvedere sammelt seit über 100 Jahren mit einem klaren Profil: österreichische Kunst im internationalen Kontext. Das Ergebnis ist keine Enzyklopädie wie der Louvre, sondern ein konzentriertes Haus, das sich in zwei Stunden ernsthaft besichtigen lässt.
Die Prioritätenliste
Wenn Ihre Zeit knapp ist, hier die Sammlung als Rangliste – subjektiv, aber erprobt:
- „Der Kuss“ und die Klimt-Säle (2. OG) – der Grund für die meisten Besuche, zu Recht.
- Egon Schiele: „Die Familie“ und „Tod und Mädchen“ (2. OG) – die dunkle Antwort auf Klimts Gold.
- Messerschmidts Charakterköpfe (EG) – 18. Jahrhundert, wirkt wie Gegenwartskunst.
- Der Marmorsaal (1. OG) – kein Gemälde, aber der Raum, den Sie nicht auslassen.
- Biedermeier: Waldmüller (1. OG) – Licht wie von heute, gemalt um 1830.
- Französische Moderne: Monet, van Gogh (1. OG) – kompakt, aber hochkarätig.
- Mittelalter-Säle (EG) – für Fans gotischer Tafelmalerei ein stiller Höhepunkt.
Das Belvedere stellt regelmäßig um. Einzelne genannte Werke können sich in Restaurierung, Leihverkehr oder einem anderen Saal befinden. Der Saalplan am Eingang hat immer recht.
Wiener Moderne: Klimt, Schiele, Kokoschka
Das zweite Obergeschoss ist das Herz des Hauses. Um 1900 war Wien Labor der Moderne – Freud, Mahler, Loos, und mittendrin drei Maler, deren Werke hier nebeneinander hängen.
- Gustav Klimt – neben „Der Kuss“ die „Judith“, Gesellschaftsporträts und die Attersee-Landschaften. Details und die beste Besuchszeit: Klimt-Guide.
- Egon Schiele – „Die Familie“ entstand 1918, im Todesjahr des 28-Jährigen; „Tod und Mädchen“ gilt als sein persönlichstes Bild. Nervöse Linien statt Ornament.
- Oskar Kokoschka – expressive Porträts, in denen die Dargestellten älter wirken, als sie waren. Kokoschka nannte es „das Innere nach außen malen“.
Wer die Epoche vertiefen will: Der Audioguide behandelt die Wiener Moderne am ausführlichsten – die 5 € lohnen sich vor allem für diese Säle.
Das 19. Jahrhundert: Biedermeier bis Impressionismus
Das erste Obergeschoss erzählt das Jahrhundert davor. Drei Namen strukturieren den Rundgang:
- Ferdinand Georg Waldmüller – der Meister des Biedermeier: gestochen scharfes Licht, Alltagsszenen, Rosenbilder. Seine Landschaften nehmen die Freilichtmalerei vorweg.
- Hans Makart – Wiens Salonfürst der Gründerzeit, riesige Formate, theatralische Farbe. Nach ihm ist ein ganzer Einrichtungsstil benannt.
- Jakob Alt, Rudolf von Alt – Veduten, die Wien vor dem Ringstraßen-Umbau dokumentieren; für Stadtgeschichte-Interessierte eine Fundgrube.
Messerschmidts Charakterköpfe

Die seltsamsten Köpfe des 18. Jahrhunderts
Franz Xaver Messerschmidt, Hofbildhauer mit Karriereknick, schuf ab 1770 eine Serie grimassierender Selbstporträts in Blei und Alabaster – zusammengepresste Lippen, zugekniffene Augen, extremes Gähnen. Die Kunstgeschichte rätselt bis heute, ob dahinter ein Studiensystem, Aberglaube oder eine psychische Krise stand.
Im Erdgeschoss des Oberen Belvedere steht eine Auswahl dieser „Charakterköpfe“. Sie sind der verlässlichste Überraschungserfolg des Hauses – gerade bei Besuchern, die „nur wegen Klimt“ gekommen sind, und bei Kindern.
Mittelalter und Barock
Die Sammlung beginnt im 12. Jahrhundert. Zwei Bestände lohnen den Umweg ins Erdgeschoss:
- Gotische Tafelmalerei und Schnitzaltäre – darunter der Znaimer Altar aus dem 15. Jahrhundert, ein Hauptwerk der Spätgotik.
- Barock: Maulbertsch, Rottmayr, Troger – die Generation, die Österreichs Kirchen und Klöster ausmalte, hier im Kabinettformat.
Diese Säle sind auch zur Mittagszeit ruhig – ein guter Puffer, wenn oben Hochbetrieb herrscht.
Internationale Gäste: Monet, van Gogh, Renoir
Die französische Abteilung ist klein, aber gewichtig: Monets Garten in Giverny, eine Ebene von van Gogh aus Auvers, dazu Renoir. Diese Werke kamen früh in die Sammlung – das Haus kaufte ab 1903 gezielt internationale Moderne, um die österreichische Kunst im Vergleich zu zeigen. Genau dieser Vergleich macht den Rundgang ergiebig: erst Monet, dann Klimts Attersee-Bilder – die Verwandtschaft ist verblüffend.
Sammlungsgeschichte laut belvedere.at. Einzelne Werke können verliehen oder magaziniert sein.
Sammlung nach Interesse: drei Routen
| Profil | Route | Zeit |
|---|---|---|
| Nur die Ikonen | 2. OG (Klimt, Schiele) → Marmorsaal → Ausgang | 60 Min. |
| Kunstgeschichte kompakt | EG (Mittelalter, Messerschmidt) → 1. OG (19. Jh., Franzosen) → 2. OG (Moderne) | 2 Std. |
| Mit Kindern | Charakterköpfe → Prunkstiege → „Der Kuss“ → Garten | 75 Min. |
Häufige Fragen
Welche berühmten Gemälde hängen im Belvedere?
Die bekanntesten Werke sind Gustav Klimts „Der Kuss“ und „Judith“, Egon Schieles „Die Familie“ und „Tod und Mädchen“, Werke von Oskar Kokoschka und Ferdinand Georg Waldmüller sowie Gemälde von Monet, van Gogh und Renoir. Dazu kommen Messerschmidts Charakterköpfe als Skulpturenserie.
Sind alle Gemälde im normalen Ticket enthalten?
Ja. Die ständige Sammlung des Oberen Belvedere ist komplett im Hausticket enthalten. Nur Sonderausstellungen im Unteren Belvedere und in Belvedere 21 haben eigene Tickets.
Hängen van Gogh und Monet wirklich im Belvedere?
Ja, das Belvedere besitzt eine kleine Sammlung französischer Moderne, darunter Werke von Monet, van Gogh und Renoir, üblicherweise im ersten Obergeschoss. Einzelne Bilder können sich zeitweise im Leihverkehr befinden.
Was sind die Charakterköpfe von Messerschmidt?
Eine Serie grimassierender Selbstporträt-Büsten des Bildhauers Franz Xaver Messerschmidt aus dem späten 18. Jahrhundert, in Blei und Alabaster. Eine Auswahl steht im Erdgeschoss des Oberen Belvedere.
Wie alt ist die Sammlung des Belvedere?
Die Sammlung umfasst rund 800 Jahre – von mittelalterlicher Tafelmalerei des 12. Jahrhunderts bis zur Gegenwartskunst im Belvedere 21. Die Galerie selbst wurde 1903 als Moderne Galerie gegründet.
Kann man im Belvedere Schiele sehen?
Ja, das Belvedere zeigt zentrale Werke Egon Schieles, darunter „Die Familie“ und „Tod und Mädchen“, im zweiten Obergeschoss direkt bei den Klimt-Sälen.